Chronik 2011

Die 6f – Klassenreise nach Sundsacker

Sundsacker? Richtig, kennt kaum jemand – es sei denn, sie/er interessiert sich für Erlebnispädagogik. EventNature (ein Ableger von Outward Bound) ist schon lange Partner meiner Klassenreisen im Jahrgang 6. Die wenigen Häuser von Sundsacker liegen direkt am Fähranleger gegenüber der kleinsten Stadt Deutschlands, Arnis, westlich von Eckernförde. In ca. 3 ½ Stunden ist man mit öffentlichen Verkehrsmitteln vor Ort. Die letzten 200 Meter werden zu Fuß zurückgelegt, das Gepäck transportiert EventNature mit einem Anhänger zum Camp.

Die Kids übernachten in großen Tipis mit Holzfußboden, die Begleiter im Seminarhaus. Toiletten und Duschen befinden sich im Seminarhaus, der "Aufenthaltsraum" – überdacht und windgeschützt – im Freien.

Die Vorbereitungen für eine solche Reise erfordern einigen Aufwand: die Kinder müssen lernen, sich selbst zu verpflegen (dazu kann der Arbeitslehreunterricht genutzt werden). Die Klasse muss ein Mindestmaß an Gruppenbewusstsein mit bringen (das übt man i.d.R. Im Jahrgang 5).

Seitens der BegleiterInnen bedarf es ebenfalls einiger Vorplanungen und Vorbesprechungen mit der Klasse: vom Speiseplan bis zu den Diensten, die ja während des Aufenthaltes reibungslos funktionieren sollen. Etliche Fragebögen von EventNature müssen ausgefüllt werden: ein Gesundheitsfragebogen, ein Fragebogen über die Erwartungen etc. .

Die Crew von EventNature arbeitet auf der weiterentwickelten Basis der erlebnispädagogischen Konzeption von Outward Bound. Die besteht – verkürzt ausgedrückt – darin, in und mit der Natur in und mit der Gruppe, in der man sich gerade befindet, Aufgaben spielerisch zu lösen und zwar nur dann erfolgreich, wenn ihre Bearbeitung in Kooperation und Kommunikation mit allen Beteiligten erfolgt. Entsprechend sind die Aufgaben konzipiert und in ihrem Schwierigkeitsgrad gestaffelt.
Dabei kommt jede/r mit ihren/seinen Stärken zum Tragen und zum Einsatz. Nicht zufällig wachsen viele über ihre bisher angenommenen psychischen und physischen Grenzen hinaus.
Drei Trainer betreuten drei Kleingruppen während des Tages. Zwischendurch kam auch die gesamte Gruppe zusammen. Nach jeder Aufgabe gab es eine Reflexionsphase, die die Erfolge und Probleme widerspiegelt und verarbeiten half.

Praktisch sah unser Programm so aus:

1. Tag: Einführung in das Wochenprogramm – Verständigung über die allgemeinen Ziele – Einkauf der Nahrungsmittel organisieren – Regeln des Camps kennenlernen – vor allem die Zeltregeln. Erste Gruppenspiele. Abendessen.

2. Tag: Floßbau. Nach einigen Warming-up-Spielen wurden drei Gruppen gebildet.
Die bekamen Material, aus dem ein funktionsfähiges Floß zu bauen war. Dazu sollte eine Geschichte, wie es zum Floßbau gekommen sei, ausgedacht und später vorgestellt werden, es sollte einen 'Schlachtruf' geben, das Floß musste eine Namen haben, es bedurfte eines Skippers / einer Skipperin, auch eine Dekoration sollte nicht fehlen.
Hilfen, wie man nun aus dem Material ein Floß zusammenbaut wurden kaum gegeben. Kreativität und Kooperation war jetzt angesagt und auch eine gewisse Frustrationstoleranz, wenn nicht gleich alles fest zusammenhielt und mehrere Versuche notwendig waren.
Am Ende dann die Vorstellung des fertigen Floßes gegenüber der ganzen Klasse, mit Geschichte und Schlachtruf. Spannend dann das Zu-Wasser-Lassen der Ungetüme. Alle schwammen und verbanden sich zu einem Klassenfloß, Riesenwasserspaß inklusive.

3. Tag: Kanufahrt im 3er Kanu. Vorher Anleitung und Üben in strömungslosem Wasser. Dann, bei recht starkem Gegenwind die Schlei überqueren. Für manche ein zähes Stück Arbeit unter großer Kooperationsanstrengung. Dann der Rückweg. Der Wind frischt nochmals auf, einer Gruppe gingen die Kräfte und der Mut aus. Doch die BegleiterInnen kamen längsseits, bildeten mit den verzweifelten Kids ein 2-Kanu-Floß und ein Aufatmen ging durch die 'gerettete' Crew. Mit klarer Ansage und gemeinsamen Paddelschlägen wurde der Hafen glücklich erreicht.

4. Tag: Einer der Höhepunkte. Waldexpedition. Längerer Anmarsch in einen riesigen Buchenwald. Unterwegs fanden reife Äpfel und saure aber vitaminreiche Schlehen ihre AbnehmerInnen. Im Wald angekommen, erste Vertrauensübungen in Kleingruppen. Pause. Und dann: ohne Vorgabe – ohne Programm begann die 6f den Wald zu entdecken: Waldhütten wurden errichtet – Laubfrösche und Käfer begutachtet – Brombeeren gegessen, es wurde gelacht und erzählt oder einfach nur in den Waldhimmel geschaut. Toll. Dann ein weiterer Höhepunkt – Schatzsuche. Der 'Schatz', eine kleine Truhe mit Süßigkeiten, ist von einem der Trainer mitten auf einem kleinen Felsen platziert worden, der in einer mit Wasser umgebenden Waldsenke liegt. Ein langes Tau und ein Klettergurt sind die 'Werkzeuge', mit denen der Schatz geborgen werden kann. Ein schrecklicher Waldgeist aber bewacht den Schatz. Jede/r die/der das Wasser berührt, wird unweigerlich hinabgezogen. Auch nur anschauen darf man das Wasser nicht, die Augen wären verloren. Daher muss dem/der Schatzsucher/in die Augen verbunden werden.
Die Kids machen Vorschläge, jemand übernimmt die Gesprächsleitung, die Diskussion wogt hin und her. Schnell ist Alex als Schatzsucher bestimmt: er ist leicht, stark und gelenkig. Die Lösung des 'Transportproblems': Das Seil wird über einen Ast geworfen, ein Teil der Gruppe hält es fest. Das andere Ende befindet sich auf der anderen Seite des 'Sees' und wird vom Rest der Gruppe gehalten. Alex bekommt den Klettergurt angelegt, wird mit dem Karabiner am Seil festgemacht und los geht’s unter den Rufen der Klasse, wo er sich genau befindet und wann er den Arm nach unten zum Griff der Schatztruhe ausfahren kann, ohne das Wasser zu berühren. Nach zwei vergeblichen Versuchen ist es endlich geschafft und – glücklich am Ufer angekommen – kann die 'Beute' verteilt werden. Abends dann Lagerfeuer mit vielen Geschichten, die man sich an solchen Orten so erzählt.

5. Tag und letzter Tag: Absprung. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Nach dem Packen der Sachen, Reinigen der Zelte und des Platzes geht’s zur letzten Anstrengung: eine von 4 Gruppen frei stehend gehaltene 9m hohe Leiter mit einer kleinen Plattform oben am Ende soll bestiegen werden. Die Kletternden sollen – wiederum von zwei Gruppen gesichert – mit Klettergurt so weit wie möglich nach oben klettern und – wenn der Mut reicht (befeuert von der Klasse) – die Plattform erklimmen und sich aufrecht hinstellen. Dann umdrehen und auf Kommando in den freien Raum springen oder fallen lassen. Langsam wird dann die/der Mutige zu Boden gelassen. Fast alle wollen die Leiter erklimmen. Die meisten schaffen es bis ganz nach oben, andere wollen vorher abspringen, was auch kein Problem ist. Das gegenseitige Vertrauen auf die Haltegruppen und die Koordinationsarbeit der Gesamtgruppe wird noch einmal stark gefordert, funktioniert aber, schließlich waren die drei Tage vorher ja genau dazu gedacht.

Gestärkt in ihrem Selbst- und Gruppenbewusstsein fahren alle erfüllt von dem Erlebten Richtung Hamburg.

Hartmut Ring, Tutor 6f

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