Chronik 2011

Zehn SchülerInnen unseres 10. Jahrgangs auf den Spuren einer grausamen Vergangenheit

Auch in Hamburg wurden im 2. Weltkrieg Juden verfolgt, in Konzentrationslager deportiert und viele von ihnen starben dort grausam - einige überlebten.

Die Stadt Hamburg lädt regelmäßig diese Überlebenden oder ihre Angehörigen ein, um für sie wieder eine Verbindung zu Hamburg herzustellen, aber auch, damit SchülerInnen ihnen begegnen können.
Diesmal waren zehn SchülerInnen des 10. Jahrgangs unserer Schule eingeladen dabei zu sein.

In Begleitung von Frau Schröter besuchten wir die Israelitische Töchterschule in St. Pauli und die Talmud Tora Schule.

Dort trafen wir auf die etwa 20 Zeitzeugen des Holocaust oder deren Nachfahren. Jetzt leben die meisten von ihnen in verschiedenen Ländern wie Dänemark, Uruguay, Israel, Brasilien, Argentinien oder den USA.
Wir erfuhren, dass in diese ehemalige jüdische Mädchenschule im Jahre 1939 etwa 246 Schülerinnen gingen. 1942 waren es nur noch 78 ...

In der Ausstellung hängen viele Fotografien der verschiedenen Jahrgänge und weitere Fotos der Kinder, die deportiert und ermordet wurden. Es war sehr heftig, die Kinder dort zu sehen und sich dann vorzustellen, dass sie so jung solche Qualen auf sich nehmen mussten.

In einem Buch mit den Namen verschwundener SchülerInnen und deren Familie fand eine Zeitzeugin die Namen ihrer Familie .... Sie war sehr betroffen.

Wir entdeckten ein Gebetsbuch eines Zeitzeugens, der ebenfalls anwesend war und kamen mit ihm und anderen Überlebenden ins Gespräch. Da einige oder deren Söhne und Töchter, kein oder wenig deutsch sprachen, kommunizierten wir manchmal auf Englisch.

Nach dem Rundgang in der Israelitischen Töchterschule, fuhren wir alle zusammen mit einem Bus in eine andere jüdische Schule: die Talmud Tora Schule, in der heute etwa 100 jüdische Schülerinnen und Schüler zur Schule gehen. Die Schule ist mit einer Polizeiwache und Sicherheitstüren vor Angriffen geschützt, weil Juden immer noch nicht 100 prozentig sicher sind in Hamburg!

Dort interviewten wir in der Aula die Gäste oder deren Nachfahren.
Eine Tochter zweier Zeitzeugen, die leider schon verstorben sind, reiste aus Uruguay an. Sie war noch nie zuvor in Deutschland gewesen, jedoch sprach sie nahezu perfekt Deutsch. Sie wollte mehr über das Leben, welches ihre Eltern in deren jüdischer Kindheit in Nazi-Deutschland (Vater Hamburg, Mutter Frankfurt) zu der Zeit geführt haben erfahren und ob sie vielleicht sogar die gleichen Straßen entlang gegangen sind.

Herr Leser erzählte, dass er mit 13 Jahren, als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, diese Schule verlassen musste. Er erzählte, dass sich sein Alltag drastisch änderte: Auf der Straße guckten alle weg, als er kam. Seine Freunde, mit denen er vorher jeden Tag Fußball gespielt hatte, wandten sich ihm sofort ab.
Sein Vater wurde nach Nürnberg in ein Konzentrationslager deportiert, wo er hart arbeiten musste. 1941 wurden er, sein Bruder und seine Mutter auch nach Nürnberg gebracht, wo sie seinen Vater wiedertrafen. Er wurde aus dem Konzentrationslager entlassen, mit der Auflage, dass die Familie sofort nach Shanghai auswandern sollte. Dies wollte sein Vater aber nicht, da er nur Deutsch konnte und Angst hatte, dass er sich dort nicht zurecht finden würde. Deshalb blieb die Familie in Deutschland. Für seinen Bruder und ihn gab es noch eine Chance auf einem Schiff nach England zu kommen, damit sie in Sicherheit wären, aber das wollte sein Vater auch nicht, da es die Familie auseinander gebracht hätte. So blieben sie also weiter zusammen. Bei einer Jagd nach Juden, kam seine Familie ums Leben. Er war der einzige der überlebt hat. Und er blieb bis 1949 in Deutschland, bevor er nach Amerika auswanderte. Dort angekommen, empfand er es als das Paradies. Er unterdrückte beim Erzählen seine Gefühle mit Humor. Allerdings konnte man seine Traurigkeit in seinem Gesicht manchmal erkennen.

Peter/Pedro Steinhardt erzählte über das Leben und die Flucht seines Vaters in der Nazizeit. Doch auch er musste zugeben, dass er nicht viel über seinen Vater wusste, denn damals erzählte Niemand etwas und Niemand fragte. Dennoch konnte er sich an Erzählungen seines Vaters erinnern; Sein Vater war Ruderer in einem jüdischen Sportclub (Bar Kochba) in Hamburg und sein Großvater, Hugo Steinhart , war ein Zahnarzt in Altona, der allerdings schon 1923 eines natürlichen Todes verstarb. Die Schwester des Vaters, wohnte gegenüber einer Schule in Hamburg, und konnte auf den Pausenhof sehen. Vielleicht war es ja die Israelische Töchterschule, in der wir uns zuerst aufhielten. Während des Gespräches erwähnte er, dass er ein Kuvert seines Vaters von deren Arbeit besäße. Wahrscheinlich hatte dieser es sich selbst geschickt, denn auf dem stand die Adresse des Hauses, in dem er einst lebte: ,,Isestraße 18.1“. Seine Mutter kam aus der Nähe von Kassel. Um 1938, der Zeit der deutschen Nationalsozialisten, bekam sein Vater einen Brief, in dem stand, dass er möglichst schnell das Land verlassen solle. Er wanderte nach Argentinien aus zu Verwandten, die schon um 1900 Deutschland verließen. In Buenos Aires wurde Pedro Steinhardt geboren.
Wir wunderten uns darüber, dass er fließend deutsch sprechen kann, darauf erzählte er uns, zu Hause hätten sie immer deutsch geredet und er hätte in Argentinien eine deutsche Schule besucht. Damals war er Mitglied einer jüdischen Gemeinde, die ,,Centra“, die versuchte die jüdischen Gemeinden in Südamerika zu bündelten, doch so sagte er, verloren sie die Kraft.
Die Großmutter seiner Frau starb bei seiner Hochzeit im Tempel.
Auf die Frage, wie die Menschen in Argentinien auf Juden reagiert hätten (auch Nazis flohen nach Südamerika, um nicht verurteilt zu werden.), erzählt er uns, dass sie anfangs, in der Zeit des Antisemitismus, in öffentlichen Verkehrsmitteln angespuckt wurden. Oder dass er fast Opfer eines Bombenanschlags auf seine Arbeitsstätte gewesen wäre, bei dem 83 Menschen ihr Leben ließen. Genau zum Zeitpunkt des Anschlages hielt er sich bei seiner Schwester im Iran auf. Heute weiß man immer noch nicht,ob es ein Anschlag der Islamisten oder Araber war. Er vermutet es.
Im Grunde ist er nach Hamburg gekommen, um mehr über seinen Stammbaum und seine Familiengeschichte zu erfahren. Er weiß noch, dass sein Vater viele Geschwister hatte, die entweder ausgewandert sind, oder von Nationalsozialisten ermordet wurden. Seinen Stammbaum hat er soweit zurückverfolgen lassen, dass er nun weiß dass er von den Friedheims abstammt. Während des Gespräches haben wir auch noch erfahren, dass es jetzt ein Anne Frank Museum in Buenos Aires gibt und dass es sogar eine Art Olympische Spiele für jüdisch religiöse Länder gibt, die Makablal.

Beatriz Zimmermann ist auch eine Nachfahrin von Überlebenden. Sie ist in Polen geboren und kann uns Unglaubliches erzählen, was ihre Schwestern, Eltern und Verwandten in der Nazizeit ertragen mussten. Ihr Vater hatte damals 13 Geschwister und ihre Mutter acht. Von denen leben acht noch heute. Die anderen haben Auschwitz nicht überstanden. In unserem Gespräch berichtet sie uns wie ihre Schwester gesehen hat, dass die Nazis die Juden im Zug mit Rasierklingen attackierten oder wie sie die hübschen Jüdinnen missbrauchten, nach Hause brachten und die kompletten Familien ausmerzten. Auch die grausige Geschichte ihrer Schwester lässt sie nicht aus. Damals sollten die Schwester und der Mann von Nazis getrennt mitgenommen werden, doch sie weigerte sich und klammerte sich an ihren Mann und wollte ihn nicht gehen lassen. Daraufhin trennten sie sie gewaltsam von ihrem Mann und richteten diesen vor ihren Augen hin. Ihre Schwester und ihre Tante wurden damals mit elf anderen Juden unter Kohle versteckt und aus Deutschland unbemerkt hinaus geschleust. Sie waren zwei von denjenigen, die so fliehen konnten. Heute gibt es sogar eine Verfilmung dieser Geschichte, der sich "Fight for 13" oder "Hidden" nennt. Am Ende unseres Gespräches verrät sie uns noch aufgeregt, dass sie während ihres Aufenthaltes ihre Cousine hier in Hamburg wiedertrifft, die sie schon seit Jahrzehnten nicht gesehen hat.
Wir wünschen den beiden viel Glück und bedanken uns für diese netten, offenen Gespräche.
Zum Abschluss durften wir uns die Talmud Tora Schule ansehen. Die fröhlich durch die Gänge tobenden Kinder waren genau so alt, wie die auf den Fotos der Israelischen Töchterschule, die die Nazizeit meist nicht überlebt haben. Ein großes Mahnmal im Gang der Schule soll den Menschen mahnen, dass so etwas sich nicht noch einmal wiederholt.

Laura Siebeneicher, Dominik Sauer und Jan Zwicke

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